Die Debatte um das Holzvogtland – Mehr Chance als Risiko

Wieder einmal ist es so weit: Das Holzvogtland, die Freifläche, welche die Stadtteile Prahlsdorf und Schönningstedt verbindet, steht im Zentrum der Debatte um die zukünftige Ausrichtung der Reinbeker Stadtplanung. Viele werden sich daran erinnern, wie sehr die Frage „Bebauen oder nicht bebauen?“ schon in der Vergangenheit die Gemüter in der Stadt erhitzt hat und wie wenig produktiv die Auseinandersetzung dabei oft war. Warum müssen wir handeln und wie steht die SPD zu dem Thema?

Bild: Google Earth

Warum ist das Thema gerade wieder aktuell?
Es mag vielfältige Begründungen geben, die Zukunft der Fläche erneut auf die politische Agenda zu bringen, eine sticht jedoch heraus: die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum! Die Lage Reinbeks am Rand von Hamburg verschärft dieses Problem deutlich. Viele Hamburger suchen Wohnraum in den Vororten. Diese Trends lassen sich auch im Vergleich[1] mit den anderen Städten in Schleswig-Holstein erkennen: Sowohl in absoluten Zahlen als auch in Prozent fand sich Reinbek 2018 unter den fünf Städten mit dem größten Bevölkerungswachstum im Land. Gleichzeitig ist die Stadt bei den verfügbaren neuen Wohnungen stets auf den letzten Plätzen zu finden. Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Das merken alle, die sich zurzeit in Reinbek nach Wohnung oder Haus umsehen, an den Preisen. Diese Umstände machen es für Investoren attraktiv, Wohnraum zu schaffen. Genau das passiert gerade auf Teilen der Fläche Holzvogtland und damit wird aus einer abstrakten Beschäftigung mit Statistiken ein konkretes Thema für Reinbek. Während die Planungen der Investoren Dusenschön und Krieger schon recht weit fortgeschritten sind, warten die Eigner anderer Teilflächen noch ab – doch auch sie werden kaum die anhaltend hohe Nachfrage ignorieren.

Warum müssen wir handeln?
Die Debatte um das Holzvogtland hat in Reinbek schon fast Tradition. Fast jeder hat eine Meinung dazu und ein Kompromiss scheint zunächst schwierig. Das bestätigte 2017 auch der Stadtcheck: Hier überwiegt zwar für Teile des Geländes die Bereitschaft zu einer Veränderung, insgesamt wird aber deutlich das Bild einer Konfliktfläche gezeichnet, bei der sich Befürworter und Gegner einer Bebauung die Waage halten.[2] Dennoch enthält sogar das Stadtleitbild einen Hinweis auf das vorhandene Potenzial: „Die Freiflächen zwischen Schönningstedt und Alt-Reinbek werden als Entwicklungs- und Zukunftsoption verstanden und gesichert. Über ihre bauliche Nutzung und die Art der Nutzung wird entschieden, wenn dafür ein nachgewiesener Bedarf erkannt wird.“[3]
Ganz gleich, wie wir zu einer Bebauung des Holzvogtlands stehen, wir dürfen vor einer Sache nicht die Augen verschließen: Eine andere derart attraktive und zentrale Fläche für Wohnungsbau haben wir in Reinbek nicht mehr und deshalb sollten wir jetzt handeln. Dabei ist es gerade wegen der sehr kontroversen Meinungen wichtig, dass wir einander zuhören. Es ist egal, ob eine Gruppe laut oder leise für ihrer Ansichten eintritt, wir müssen allen zuhören. Es gilt, alle Fakten zu betrachten und dabei nicht selektiv nur das zu sehen, was dem eigenen Standpunkt nutzt. Nur die Probleme aufzuzählen und nicht an Lösungen arbeiten zu wollen, das reicht nicht aus.

Wie steht die SPD zu einer Bebauung?
Kurz gesagt zunächst einmal neutral. Was soll das heißen? Wir wollen die beste Lösung für Reinbek und möchten deshalb in einer fairen und ergebnisoffenen Debatte alle Faktoren beleuchten. Wir sehen den Bedarf an Wohnraum für Familien, für Single-Haushalte und für Senioren. Eine Bebauung, egal in welcher Form, stellt immer eine Belastung für die bestehenden Systeme dar. Das gilt für die soziale Infrastruktur wie Schulen und Kitas, für die Bemühungen um den Umweltschutz oder die Verkehrswege genauso wie für eine Vielzahl anderer Punkte.
Wir fixieren uns aber nicht auf die Risiken und Probleme, sondern sehen auch die Chancen. Während eine starke Innenverdichtung das Leben der Reinbeker*innen oft beeinträchtigt, lässt sich mit einem positiven Gestaltungswillen bei einem neuen Baugebiet ein Mehrwert schaffen. Was könnte auf der Fläche noch entstehen, was nicht nur den direkten Anliegern zu Gute kommt? Wie kann ein Neubaugebiet mehr sein als eine gesichtslose Schlafstadt? Wie lassen sich die Grundsätze des Klimaschutzkonzepts sinnvoll in die Stadtentwicklung integrieren? Wenn wir offen an die Debatte herangehen, haben wir alle Möglichkeiten zur Gestaltung. Niemand will tausend Wohneinheiten oder mehr aus dem Boden stampfen, derartige Pläne wurden schon lange beerdigt. Wir werben dafür, das gesamte Gebiet zu überplanen. Das heißt ausdrücklich nicht, dass wir es vollständig bebauen wollen, sondern dass wir baulichem Wildwuchs rechtzeitig einen Riegel vorschieben möchten.
Anders als in der Vergangenheit können wir als Sozialdemokraten Neubaugebiete nicht mehr kategorisch ablehnen, wenn es gleichzeitig keinen anderen gangbaren Weg gibt, den so dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Deswegen werfen wir aber nicht unsere Prinzipien über Bord! Nur ein ganzheitliches Konzept bringt uns alle voran. Dies kann nur gelingen, wenn soziale, wirtschaftliche und ökologische Belange beachtet werden und wir so handeln, dass mit den vorhandenen Ressourcen ein fairer Kompromiss zwischen allen Beteiligten erreicht wird.

Auch nach einer hoffentlich produktiven und fairen Debatte wird es unterschiedliche Abwägungen und damit auch unterschiedliche Ergebnisse geben. Das ist Demokratie. Wir sind davon überzeugt, dass es am Ende einen Kompromiss geben kann, der alle mitnimmt, solange jeder kompromissbereit ist.

[1] https://www.kiel.de/de/kiel_zukunft/statistik_kieler_zahlen/_allgemeine_berichte/
Statistischer_Bericht_Nr._274_-_Aus_Kieler_Sicht_-_der_Staedtevergleich_S-H_2019.pdf

[2] „Wie soll sich Reinbek zukünftig entwickeln? – Bürgerstudie“, Stadt Reinbek im April 2018, S. 7f

[3] Stadtleitbild der Stadt Reinbek, S.7